GÜTERVERKEHR

Als die Straßenbahnnetze in Bochum und Gelsenkirchen entstanden, war eigentlich nicht daran gedacht, auf den Gleisen der Straßenbahn auch Güterverkehre durchzuführen. Das änderte sich im Ersten Weltkrieg. Vor allem im Netz der Westfälischen Straßenbahnen GmbH entstanden zahlreiche Gütergleise, überwiegend für einen von der Eisenbahn unabhängigen Transport von Kohle zwischen Zechen und Industriebetrieben.

Mit Blick auf den Verlauf des Zweiten Weltkrieges war zu erwarten, dass die Kraftfahrzeuge der Fuhrunternehmen zunehmend für den Krieg rekrutiert würden. Um die Versorgungssicherheit der Städte sicherzustellen, wurden deshalb an zahlreichen Stellen Gütergleise angelegt.

AUGUST-BEBEL-PLATZ

So entstanden im Gelsenkirchener Netz der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG 1942 ein von der Straßenbahnstrecke nach Günnigfeld abzweigendes Gütergleis zum Großmarkt sowie 1943 ein von der Strecke nach Buer abzweigendes Gütergleis über die Werftstraße zum Stadthafen.

In Wattenscheid wurde ein Gleis auf den damals für den Wochenmarkt genutzten späteren August-Bebel-Platz, gelegt. Die Planskizze dafür wurde am 11. November 1942 fertiggestellt. Im Frühjahr 1943 wurde das Gleis gelegt. Es zweigte über eine stumpfe Weiche von dem aus Bochum kommenden Streckengleis ab. Über den Gleiswechsel an der evangelischen Kirche konnten Güterlieferungen aus Bochum und Gelsenkirchen auf das Stumpfgleis rangiert werden.

Tatsächlich genutzt wurde das Gleis nach den bisherigen Recherchen sehr selten, wenn überhaupt. 1953 wurde das Gleis betrieblich stillgelegt, im November 1962 wurden die Gleise entfernt. Wenig später begannen die ersten Erdarbeiten zum Bau des neuen August-Bebel-Platzes.

SCHAFFNERWEG

Ein weiteres Gütergleis auf Wattenscheider Stadtgebiet gab es für kurze Zeit zwischen Eppendorf und Weitmar:

Für den Bau einer neuen Straßenbahnersiedlung der Bochumer Heimstätten e.G.m.b.H. am Schaffnerweg in Weitmar wurde ein Anschlußgleis für Materialtransporte in Höhe der Haltestelle „Kamplade“ angelegt. Es zweigte in Höhe der gleichnamigen Gaststätte von der Strecke nach Oberdahlhausen ab.

Der Bau der Siedlung ging auf eine politische Initiative im Jahr 1934 zurück. Ziel war es, den Siedlungsbau zu fördern. 62 Mitarbeitende der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG bewarben sich um eine Siedlungsstelle. Nachdem sie als politisch geeignet eingestuft worden waren, konnten sie sich an dem Projekt beteiligen.

Das kurz vor der Stadtgrenze liegende Grundstück für den Bau der Siedlung erwarb die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG im Mai 1935 für 28.000 Reichsmark. Sie übernahm auch die finanziellen Bürgschaften. Die Erschließungsstraße und die Häuser mußten in Eigenleistung erstellt werden. Zudem mußten die Siedler je nach Haustyp 8.000 bzw. 10.000 Reichsmark selbst aufbringen.

Im März 1936 begannen die Bauarbeiten. Um das Gütergleis zur Baustelle anzulegen, wurde in der Ruhrstraße eine Kletterweiche verlegt. Von dieser führte das Gleis über einen noch heute erkennbaren Feldweg bis zur Baustelle. Über eine 90-Grad-Kurve wurde der Schaffnerweg erreicht. In diesem wurden das Gleis und die Oberleitung bis zum „Bremkamp“ fortgeführt. So konnten fast alle Baugrundstücke von den Materialzügen erreicht werden.

Sand und Kies für die Siedlung wurden vom Rhein-Herne-Kanal aus Herne geholt. Das Bauholz kam vom Straßenbahnbetriebshof in Witten, der über ein Anschlußgleis der Reichsbahn verfügte.

Die Ziegel für die Siedlungshäuser lieferten die Zeche „Friedrich der Große“ in Herne und die Hattinger Henrichshütte.

Überliefert ist nur, wie die Ziegel an der Henrichshütte geladen wurden: In einem Streckenabschnitt der Linie nach Blankenstein, der unmittelbar an der Werksmauer der Hütte entlanglief, hatte man für die Straßenbahner-Siedlung eine provisorische Ladestelle geschaffen. Der Güterzug wurde über die Mauer hinweg über eine aus Brettern gefertigte Schütte mit den Ziegeln beladen.

Das hier gezeigte Foto ist der Chronik entnommen, die 1986 zum 50. Geburtstag der Siedlung Schaffnerweg erschien (Sammlung Siedlung Schaffnerweg). Es zeigt das provisorische Anschlußgleis in der Siedlung. Aufgrund der Seltenheit habe ich mich entschieden, das stark gerasterte Bild trotz der recht schlechten Qualität zu zeigen.

POST(WAR)-TRANSPORTE

Nach dem Krieg – post war – gab es in Wattenscheid keinen Straßenbahn-Güterverkehr. Bis in die 1970er-Jahre hinein wurden allerdings noch regelmäßig Postbeutel mit der Straßenbahn befördert. So regelt ein erhalten gebliebener Postbeförderungsvertrag vom 15. Februar 1968 den Transport von werktäglich einem Postbeutel von Gelsenkirchen nach Wattenscheid.