BETRIEBSABLAUF

Nach der Verbindung des Bochumer und des Gelsenkirchener Streckennetzes war ein durchgehender Straßenbahnverkehr von Gelsenkirchen nach Bochum technisch möglich. Praktiziert wurde er zunächst nicht: Siemens & Halske betrieb als Generalunternehmen die Bochumer und Gelsenkirchener Straßenbahnnetze getrennt und auf separate Rechnung.

Bis 1904 gab es in Höhe der Friedenskirche in Wattenscheid eine Streckentrennung. Für die Fahrgäste war das bequem: Hatte der jeweilige Anschlußwagen Verspätung, konnte man schnell einige Besorgungen in der Wattenscheider Innenstadt erledigen.

Das war den Bochumer Stadtvätern nicht recht. Sie drängten darauf, die Strecke in Hamme, an der Ausweiche im Verlauf der Maarbrückenstraße (heute An der Maarbrücke), zu trennen. Als Argument wurde angeführt, die Fahrer könnten ihren stehenden Dienst im Führerstand nicht zu lange am Stück verrichten. Ein anderes Argument war, dass es für die Schaffner zu kompliziert wäre, in das Gelsenkirchener Netz hineinreichende Fahrscheine zu verkaufen.

Im Kern ging es um etwas ganz anderes. Man wollte keine Kaufkraft nach Wattenscheid oder gar Gelsenkirchen „abwandern“ lassen. Stattdessen sollten die Menschen in den an der Kanonenwerkstatt neu entstandenen Siedlungen an die Bochumer Innenstadt gebunden werden.

Am Ende profitierte vor allem August Halverscheidt, der unmittelbar an der Ausweiche eine Gaststätte betrieb, von der politisch gewollten Trennstelle. Er nannte sein Lokal „Zum elektrischen Funken“ – und unterstrich damit seine Verbundenheit mit der Bahn.

Vom 1. Dezember 1906 an wurde die Linie von Bochum nach Gelsenkirchen durchgehend betrieben. Dies geschah bereits im Vorgriff auf die im Dezember 1907 vollzogene Übernahme der Betriebsführung durch die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG.

Die Trennung blieb in den Köpfen dennoch bestehen. Die Wattenscheider richteten ihr Einkaufsverhalten nach Gelsenkirchen aus, waren als Arbeiter und Angestellte in Gelsenkirchen beschäftigt oder besuchten in Gelsenkirchen weiterführende Schulen.

Als Folge wurde im bis 1974 bei der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG praktizierten Beiwagenbetrieb und bis 1976 im E-Wagen-Betrieb zwischen Gelsenkirchen und dem Gleiswechsel Querstraße zu bestimmten Zeiten mit zusätzlichen Fahrzeugen gefahren.

Das hier als Beitragsbild gezeigte, historisch sehr wertvolle und wahrscheinlich 1907 aufgenommene Foto der Hochstraße wurde im Auftrag des Gastronomen Moritz Wiesemann als Postkarte gedruckt (Verlag Reinicke & Rubin, Magdeburg
Sammlung Familie Wiesemann / Sammlung Ludwig Schönefeld). Es zeigt einen nach Gelsenkirchen fahrenden Wagen der Straßenbahn kurz hinter der Ausweiche Querstraße, wahrscheinlich im ersten Jahr nach der Aufnahme des durchgehenden Betriebs.

  • An der Schnittstelle zwischen dem Bochumer und dem Gelsenkirchener Netz: Zeche Centrum I / III.
    Stadtarchiv - Zentrum für Bochumer Stadtgeschichte